Im Bann der DNA

Im Bann der DNA

Der Determinismus lebt – nicht nur in der Biologie, sondern auch in den Sozialwissenschaften. Von dort diffundiert die Rede von den bestimmenden Genen in das Alltagswissen. Von Urs Hafner (snf – horizonte dezember 2012, s.14-15)

Die Vorstellung, dass ihr Leben mehr als von allem anderen vom Zufall bestimmt sein könnte, hat für die meisten Menschen etwas Beunruhigendes. Die Partnerwahl, das Berufspech, die Krebserkrankung – da muss doch mehr dahinterstecken als nur eine Laune des Schicksals? Das wohl bekannteste System, das bei der Kontingenzbewältigung hilft, ist die Religion. Nur schon mit dem Versprechen, dass das Leben nach dem Tod weitergehe, zerstreut sie den kränken- den Gedanken, die eigene Existenz sei zufällig oder gar sinnlos. Für die glücklichen und weniger glücklichen Fügungen verweist sie auf das tugend- oder sündhafte Handeln des Betroffenen oder – in ihren abstrakten Ausprägungen – auf den unergründlichen Beschluss eines fernen Gottes.

MARX UND WEBER

Auch die Kulturwissenschaften haben Antworten auf die Frage parat, warum ein Lebensweg so und nicht anders verläuft und weshalb diese Person Herrschaft aus- üben darf und jene gehorchen muss. Mit dem Habituskonzept des Soziologen Pierre Bourdieu beispielsweise, der auf Max Webers und Karl Marx’ Sozialtheorien aufbaut, lassen sich biografische Stationen und Wendungen einleuchtend nachzeichnen; eine Schlüsselrolle spielt dabei die soziale Herkunft. Zwar liefern die Kulturwissenschaften Erklärungen für vermeintliche Zufälle – so ist es eben kein Zufall, dass die Universitätsassistentin und Mutter nicht Professorin wird oder dass das Migrantenkind nicht an die Universität geht; und wenn es trotz der Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt werden – und sei es von Eltern, für die eine Universität nichts für Ausländer ist –, sich nicht vom Universitätsbesuch abhalten lässt, ist dies erst recht kein Zufall; der Kulturwissenschaftler wird die Gründe finden, die dazu geführt haben, dass dieses Individuum die Hürden hat nehmen können.

Doch die Kulturwissenschaften schliessen den Zufall nicht kategorisch aus, wie dies etwa fundamentalistische Glaubenslehren oder deterministische Wissenschaften tun. Obschon Letzteres wie ein Selbstwiderspruch anmutet, gibt es sie tatsächlich: Sie haben sich auf dem weiten Feld der Genetik, der Evolutionstheorie und der Hirnforschung gebildet und sind von dort in manche Sozialwissenschaften – in den neuen Komplex der «social neurosciences», in die Neuroökonomie, die Neuropsychologie, die schon etwas ältere Soziobiologie – und ins Alltagswissen diffundiert. Die Rede von den «guten Genen», denen man diese und jene Eigenschaften zu verdanken habe, oder der «DNA eines Volkes», dem der Hang zum Müssiggang eingeschrieben sei, ist heute Allgemeingut.

BEFREIUNGSBIOLOGIE

Der genetische Determinismus schliesst nicht nur den Zufall, sondern auch die menschliche Freiheit aus. Diesen Determinismus kritisiert Alex Gamma von der ETH Zürich. Indem der Biologe und Philosoph nachweist, dass der Gen-Determinismus auf einer Biologie beruht, die von reduktionistischen, unwissenschaftlichen Prämissen ausgeht, möchte er die Menschen dazu bringen, ihre Handlungsfreiheit zurückzugewinnen – dass sie wieder eine Sprache sprechen, in der sie Subjekte sind; dass sie sich nicht länger durch Natur und Biologie bestimmt fühlen; dass sie nicht glauben, sie handelten stets eigennützig, wie die Soziobiologie suggeriert, oder sie suchten, weil sie eine Frau seien, einen wohlhabend-potenten Mann, wie die popularisierte Evolutionspsychologie postuliert. Alex Gammas Forschungs- projekt «Befreiungsbiologie» will die Menschen von den Fesseln einer reduktionistischen Biologie befreien.

Die stärkste Stütze für das omnipräsente gendeterministische Denken und Sprechen sieht Gamma in der «Informationsmetapher», die seit 1950 zu einer domi-nanten Sprachform in Wissenschaft und Medien aufgestiegen sei. «Die Metapher beschreibt im Gen-Determinismus das Wirken von Genen als Informieren, Inst- ruieren, Spezifizieren und Programmieren – obschon es keinerlei Evidenz für eine solche kausale Privilegierung der Gene gibt», sagt Gamma. Die Molekularbiologie habe den Informationsbegriff enthusiastisch, aber völlig unbesehen in ihr Programm aufgenommen und zum zentralen Bestandteil ihres von Nobelpreisträger Francis Crick aufgestellten «zentralen Dogmas» gemacht, wie dieser formuliert habe. Einen ähnlichen Status wie in der Ontogenese hätten die Gene in der Evolutionsbiologie inne. Hier seien sie meist die einzigen Kausalfaktoren, die als erblich angesehen würden. «Evolution ist noch immer weitgehend genetische Evolution», sagt Gamma.

Am Explizitesten äussern sich einige Exponenten der Hirnforschung. Sie sprechen dem Menschen die Willensfreiheit rundweg ab. Das berüchtigte Libet-Experiment von 1979 sollte beweisen, dass im Hirn des Menschen, der eine Handlung selbstständig eingeleitet zu haben vermeine, der Entscheid bereits Sekundenbruchteile zuvor chemisch ausgelöst worden sei.

UNBEWUSSTER ENTSCHEID

«Die Experimentatoren haben nicht in Betracht gezogen, dass ein Handlungsentscheid unbewusst ausgelöst werden kann», sagt Michael Hampe, Professor für Philosophie an der ETH Zürich, der das Forschungsprojekt «Befreiungsbiologie» leitet und in seinem scharfsinnigen Essay zur «Macht des Zufalls» (2006) zum Schluss kommt, dass der Zufall immer bedeutsamer werde, je mehr der Mensch ihn auszuschalten versuche.

«Die Gegner der Willensfreiheit haben einen viel zu einfachen Begriff von Freiheit», sagt Hampe. Unfrei sei man, wenn man etwas tue, was man nicht tun wolle, doch frei sein heisse nicht, wie die Hirnforscher unterstellten, dass es keine Determinanten des Handelns gebe. Kein Entscheid sei undeterminiert. Jeder Mensch sei mit biologischen, sozialen und rechtlichen Einschränkungen konfrontiert – doch dagegen könne er angehen, und zwar gerade im Wissen darum, dass die Einschränkungen vorhanden seien. Nur wenn er diese kenne, könne er die Lücken dazwischen sehen und entsprechend handeln.

HIRSCHE MIT GROSSEM GEWEIH

Einen Grund für die Anziehungskraft des Gen-Determinismus sieht Michael Hampe im forcierten Wettbewerb um Fördermittel. Weil die Wissenschaften vermehrt Werbung machen müssten, um zu Geldern zu kommen, versprächen sie von vornherein grossartige Ergebnisse – etwa die Entschlüsselung des Wesens des Menschen. Doch: «Die Hirsche mit dem grössten Geweih sind nicht die schnellsten.»